Die Tradition der Hansetage

Die Tradition der Hansetage © H.-J. Draeger / © BOYENS BUCHVERLAG

In der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts formten die Städte ihre seit der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts bestehende Zusammenarbeit zu einer festeren Organisationsform um. Zentrales Organ war der "Tagfahrt" genannte Hansetag, auf dem die abgeordneten Ratsherren der Hansestädte, die Rats-Sendeboten, die anstehenden Probleme erörterten und versuchten, gemeinsame Beschlüsse herbeizuführen. Dazu verschickte in der Regel Lübeck gemeinsam mit den anderen wendischen Städten Hamburg, Lüneburg, Wismar, Rostock und Stralsund Einladungsschreiben. Sie enthielten neben dem Termin die genaue Bezeichnung der zur Entscheidung anstehenden Angelegenheiten und gleichzeitig die Aufforderung an die geladenen Städte, vollmächtige Vertreter zu entsenden.


Der Hansetag, das höchste Beschluss-Gremium der Hanse (1356 bis 1669) © H.-J. Draeger / © BOYENS BUCHVERLAG

Der Hansetag, das höchste Beschluss-Gremium der Hanse (1356 bis 1669)

Weil Lübeck zu allen anderen Hansestädten im mittel gelegen war, fanden dort je nach Bedarf die meisten "Tagfahrten" statt, allein 43 von 67 zwischen 1356 und 1407. Wenn die Sitzordnung der Abgeordneten entsprechend der Rangordnung der Städte gefunden war, konnte die Tagfahrt beginnen. Die Bürgermeister der gastgebenden Stadt leiteten die Verhandlung und erteilten den Sprechern das Wort. Die Beschlüsse mussten einstimmig gefasst werden, was mitunter bei 50 teilnehmenden Städten mit sehr unterschiedlichen wirtschaftlichen Interessen - auch nicht anders als heute - außerordentlich schwierig war.


Die Beschlüsse auf insgesamt 67 Hansetagen (1356 – 1669) waren schwer zu finden © H.-J. Draeger / © BOYENS BUCHVERLAG

Einstimmige Entscheidungen waren schwer, Beschlüsse nur Empfehlungen

Die Entsandten zum Hansetag beschieden über alle Fragen, die das Verhältnis der Kaufleute und Städte untereinander betrafen. Ebenso die Beziehungen zu den Handelspartnern im Ausland, diplomatische Aktivitäten, Neuaufnahme oder Ausschluss von Mitgliedern, oder Entscheidungen über Krieg und Frieden. Der Idee nach sollten die Beschlüsse für alle Mitglieder verbindlich sein. Wenn allerdings Entscheidungen zu Problemen gefasst werden sollten, die im Einladungsschreiben nicht genannt waren oder die in ihrer Reichweite den dort gesteckten Rahmen sprengten, mussten die Angelegenheiten mit den Räten und Bürgerversammlungen der jeweiligen Heimatstädte zuvor beraten werden. Das machte eine Beschlussfassung erst auf dem nächsten Hansetag möglich. Dieses Ad-referendum-Nehmen, d. h. die Rückverweisung an die Heimatstädte, und die geforderte Einstimmigkeit machten die Entscheidungswege schwierig und langwierig.

Rechtsgültig wurden die Beschlüsse der Hansetage, die sogenannten Rezesse, auch erst durch die Verkündigung, d.h. Verlesung, in den Kontoren und auf den Gemeindeversammlungen der einzelnen Städte. Was den Interessen der jeweiligen Städte zuwiderlief, wurde dabei weggelassen. Daher waren die Chancen eines Rezesses, in allen Hansestädten Rechtskraft zu erreichen, meistens sehr gering.


Die Hanse: Über 400 Jahre wirtschaftliche Vormachtstellung © H.-J. Draeger / © BOYENS BUCHVERLAG

Über 400 Jahre wirtschaftliche Vormachtstellung

Trotz dieser Hemmnisse in der inneren Organisationsstruktur hat die Hanse nach außen hin von der Mitte des 13. bis zum Ende des 17. Jahrhunderts über 400 Jahre lang die Wirtschafts-, Handels- und Machtpolitik im nördlichen Europa mitbestimmt und in Teilen auch entscheidend mitgestaltet.


Der letzte Hansetag in Lübeck im Juli 1669 mit lediglich 9 Delegierten © H.-J. Draeger / © BOYENS BUCHVERLAG

Das Ende der Hansetage

Im Juli 1669 fand der letzte Hansetag in Lübeck statt, mit lediglich 9 Delegierten. Veränderte wirtschaftliche Strukturen und die politisch wenig entwickelten tragfähigen Machtstrukturen ließen das Hanse-Bündnis scheitern. Es gab keine formelle Auflösung. Die Wiederbelebung der Neuzeit-Hansetage“ fand ab 1980 wieder statt. Erstmals in Zwolle/Niederlande und seitdem jährlich wechselnd in einer der rund 190 Hansestädte.


Hansetage der Neuzeit

An den Hansetagen der Neuzeit werden keine Beschlüsse mehr gefasst. In der Regel präsentieren sich etliche Hansestädte in einem mehrtägigen und sehr bunten Fest mit Kunst, Kultur und Musik. Ein mittelalterliches Flair, Kostüme und Umzüge sind garanten für ein offenes und multikulturelles Hansefest der Neuzeit.

Videogalerie

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