Hansischer Städteführer Perleberg
Nach der Eroberung des ostelbischen Slawenlandes durch deutsche
Feudalherren wurde die Stadt Perleberg von der in der Altmark
ansässigen Adelsfamilie Gans im 12. Jahrhundert gegründet.
Archäologische Untersuchungen belegen eine Besiedlung seit 3000
Jahren durch germanische, slawische und deutsche Bewohner. Die
Stadtgeschichtsforschung geht von drei Siedlungskernen aus, die
sich auf drei Flussinseln bildeten.
Foto: BIG Städtebau, Roland Rossner
Von den beiden Stepenitzinseln, die zur späteren Altstadt
verschmolzen, ist die einstige Nicolaikirche mit Kaufmannssiedlung
und der Bäckerstraße als Straßenmarkt zwischen zwei Stadttoren der
ältere Siedlungskern. Der nur wenig jüngere zweite Siedlungskern
ist die Jacobikirche mit christlicher Siedlung und einer unweit
gelegenen Siedlung jüdischer Kaufleute. Jüngste Forschungen zur
jüdischen Sied-lungsgeschichte bezeichnen den Aufstieg Perlebergs
als eine gezielte Investition der Stendaler Kaufmannschaft in das
neue Territorium.
1239 wird Perleberg erstmals als Stadt mit Salzwedler Stadtrecht
urkundlich erwähnt. Als die Perleberger Linie der Adelsfamilie Gans
um 1300 ausstarb, wurden die brandenburgischen Markgrafen
Stadtherren von Perleberg, das Immediatstadt und später Hauptstadt
der Prignitz wurde. Der Landesherr stattete die Stadt mit
Privilegien aus.
Als Handelsstadt war Perleberg durch seine verkehrsgeographische
Lage außerordentlich begünstigt. Die Handelsbeziehungen zu Wasser
über die Stepenitz und Elbe sowie auf dem Landweg erstreckten sich
bis an die Nord- und Ostsee bzw. nach Süddeutschland und Böhmen.
Große mittelalterliche Handelsstraßen kreuzten sich hier: die aus
dem Süden von Magdeburg über Stendal-Wittenberge und über
Havelberg-Wilsnack nach Norden mit den aus dem Westen von
Salzwedel-Lenzen nach Pritzwalk-Wittstock und über Kyritz weiter in
östliche Richtung führenden Straßen. Gehandelt wurde u.a. mit Salz,
Holz, Fisch, Pottasche und Tuchen. Im 14. Jahr-hundert hatte
Perleberg eine eigene Münze, die Silberpfennige mit dem
Stadtwappen, dem achtzackigen Stern, prägte.
Foto: BIG Städtebau, Roland Rossner
Als Mitglied des mächtigen Hansebundes (1359-1447) überflügelte
Perleberg alle Prignitzstädte und erlangte auch unter den Städten
der Mark große Bedeutung als Zentrum politischen und
wirtschaftlichen Geschehens der Region. Im Rahmen der ständischen
Verfassung wurde sie 15. Jahrhundert „Vorort und Hauptstadt der
Prignitz“ und vertrat die Prignitzstädte als Sprecherstadt auf den
brandenburgischen Landtagen.
Der Dreißigjährige Krieg brachte Not und Verfall. Die Plünderungen
und Gewalttaten der marodierenden Soldaten waren so grausam, dass
von etwa 3000 Bewohnern nur 300 in der Stadt blieben. Aus dem Jahre
1476 ist die Zahl von etwa 300 Wohnhäusern bekannt. Nach dem
Dreißigjährigen Krieg gab es laut Quellen nur noch „14 Buden, 6
baufällige oder untaugliche Häuser und 127 bewohnbare Häuser“. 1691
heißt es allerdings in einem Bericht an den Landesherren: „Die
erschöpften Bürger haben sich merklich recolligieret, die
verwüsteten Städte sind von Jahren zu Jahren wiederumb aufgebaut,
und sind die Städte in ziemlichen wachstumb geraten.“ 1727 gab es
wieder 1137 Erwachsene in der Stadt. 1720 ist die Zahl der
Feuerstellen mit 344 angegeben. 1730 kamen 470 fremde Händler mit
ihren Handelswagen nach Perleberg auf die im Frühjahr, Sommer und
Herbst stattfindenden drei Jahresmärkte.
Anfang des 19. Jahrhunderts wurden die verbliebenen Wehranlagen wie
Stadtmauerreste und Stadttore abgetragen. Die Stadt erweiterte sich
über den mittelalterlichen Stadtkern hinaus. Eine
königlich-preußische Garnison wurde stationiert, auf deren Insassen
mit ihren Bedürfnissen sich die Stadtbevölkerung einstellte. 1817
wurde die Stadt Kreisstadt der Westprignitz. Die Sozialstruktur des
Stadt war geprägt durch Verwaltung, Handwerk und Gewerbe sowie
durch Militär.
Große Umbrüche in der Zeit der Industrialisierung haben Perleberg
nicht erreicht. Noch heute verfügt die Stadt über einen
geschlossenen historischen Stadtkern mit reichhaltiger Bausubstanz,
der in Verbindung mit der reizvollen Umgebung, den Flussniederungen
der Stepenitz und Elbe, ausgedehnten Wäldern und
geschichtsträchtigen Orten ein lohnenswertes Ziel für Touristen
ist. Die Einwohnerzahl beläuft sich gegenwärtig auf circa 13.200
mit Einwohnern in zwölf Ortsteilen.
Stadtarchiv Perleberg, Karl-Liebknecht-Straße 33, 19348 Perleberg
Tel. 03876 / 781 150, Fax 03876 / 781 302
E-mail: archiv@stadt-perleberg.de
Öffnungszeiten: Di 9.00-11.00 und 13.00-17.30; Do
9.00-11.00 und 13.00-15.00
Das Stadtarchiv Perleberg ist in seiner jetzigen Form seit 1952 existent.
Die Aktenbestände, beginnend im 13.Jh., umfassen einen kleinen Teil von Urkunden und Amtsbüchern sowie über 10.000 Akteneinheiten bis in die heutige Zeit, außerdem Pläne und Karten, Zeitungen und Zeitungsausschnittsammlungen, Plakate und Fotos und eine Archivbibliothek mit ca. 3.000 Bänden.
Die Bestände des Stadtarchivs sind erschlossen durch eine Findmittelkartei und Findbücher. Auf der Internetseite der Stadt Perleberg stellt sich das Archiv mit seinen Beständen vor.
Die Hauptmasse der archivischen Überlieferung setzt erst ab dem 19.Jh. ein. Aus der Zeit der Zugehörigkeit der Stadt Perleberg zur Hanse sind nur wenige Dokumente wie Urkunden und Schriftstücke überliefert.
Das älteste Ratsbuch entstammt dem 15./16.Jahrhundert.
Besonderes Zeugnis des Ansehens der Stadt Perleberg aus der Hansischen Zeit ist der Friedensvertrag zwischen dem Kurfürsten Friedrich zu Brandenburg und den Herzögen und Fürsten von Pommern, Mecklenburg, Sachsen und Wenden. Eine gemalte Wandtafel im Sitzungsaal des Rathauses zu Perleberg erinnert noch an diesen Tag.
Wichtige Bestände für die Hansezeit und die frühe Neuzeit
I. Urkunden und Akten von besonderen historischem Wert
davon 53 aus der Zeit 1358 – 1447
II. Amtsbücher und Handschriften
Ratsbuch 15./16.Jh.
Rechnungsbuch ab 1472
Ratsprotokolle ab 1594
Abschrift eines Schuldbriefes der Stadt Hamburg an Perleberg
von 1535
III. Akten
Magistratsarchiv
umfassender Bestand beginnend im 17.Jh.
Literatur und Präsentation
Chonik der Stadt Perleberg: Wendtsche Chronik in 3 Bänden verfaßt um 1880
I. Perleberg im Mittelalter (bis 1538)
II. Perleberg von der Reformation bis zum Westfäli-schen Frieden (1646)
III. Perleberg vom Westfälischen Frieden bis zur Neu-zeit (1869)
Codex diplomaticus Brandenburgensis, herausgegeben von Dr.Adolph Friedrich Riedel 1838.
Sammlung der Urkunden, Chroniken und sonstigen Quellenschriften für die Geschichte der Mark Brandenburg und ihrer Regenten
Friedrich Bruns u. Hugo Weczerka: Hansische Handelsstraßen. 1967 (Quellen und Darstellungen zur Hansischen Geschichte, herausgegeben vom Hansischen Geschichtsverein).