Adresse:
Hansestadt Lübeck, Rathaus, Breite Straße 62, 23539 Lübeck,
Tel. 0451/122-910
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Hansischer Städteführer Lübeck

I. Die Stadt
Die ersten „Lübecker“ waren diejenigen Slawen, die 819 die Burganlage und Siedlung Liubice, sieben Kilometer traveabwärts vom heutigen Lübeck errichteten. Nach der Eroberung Ostholsteins durch Holsten und (Nieder-)Sachsen gründete Graf Adolf II. von Holstein die deutschrechtliche Stadt Lübeck auf der Halbinsel zwischen Trave und Wakenitz.

Löwe vor Holstentor
Aufgrund ihrer verkehrsgeographisch zentralen Lage entwickelte sie sich zur bedeutendsten Handelsstadt im Ost-West- und Nord-Süd-Verkehr des nördlichen Europa zwischen Brügge und Novgorod. Gewerbliche Produkte des Westens und Südens (vor allem Tuche, Metallwaren, Gewürze) wurden gegen Prestigewaren (Pelze) sowie Rohstoffe und Lebensmittel des Ostens und Nordens gehandelt. 1226 erhielt Lübeck die Reichsfreiheit.
Aufgrund ihrer wirtschaftlichen und politischen Macht und ihrer Autonomie war die Stadt bis zum Ende des 17. Jh.s. das Haupt der Hanse, einer Handelsorganisation, der niederdeutsche Kaufleute und rund 200 Städte von Holland bis nach Estland und von Skandinavien bis nach Mitteldeutschland angehörten. Die Hanse vertrat die wirtschaftlichen Interessen der niederdeutschen Kaufleute vor allem im nördlichen Europa und erwarb und sicherte Handelsprivilegien für ihre Mitglieder.
Wegen der Vorrangstellung Lübecks in Handel und Diplomatie und wegen seiner Lage in der Mitte des hansischen Raumes fanden die meisten Hansetage, auf denen Abgesandte der Hansestädte über hansische Angelegenheiten berieten, in der Travestadt statt, der erste 1356, der letzte 1669. Durch die Konsolidierung der Territorialstaaten und der Königreiche des Nordens sowie durch die Verlagerung der Welthandelsströme verlor Lübeck seit dem 16. Jh. seine herausragende politische und verkehrsgeographische Bedeutung. Der vordem europoaweite Aktivhandel Lübecker Kaufleute verengte sich mehr und mehr auf den Ostseeraum.

St. Marien
Als einzige der mittelalterlichen Großstädte des Reiches bildete Lübeck (um 1500 ca. 25 000 Bewohner) bis 1861 keine Vorstädte aus. Erst als die Stadt sich im 19. und frühen 20. Jh. zu einer Handels- und Industriestadt (Schiffbau, Maschinenbau, Lebensmittelindustrie) wandelte, entwickelten sich die neugebildeten Vorstädte mit Aufhebung der Torsperre 1864 und der Einführung der Gewerbefreiheit 1867 rasch zu Ballungszentren. Die Einwohnerzahl verdoppelte sich zwischen 1871 und 1911, als mit 100.000 Einwohnern der Status einer Großstadt erreicht wurde.
Politisch begann Lübecks Weg in die Neuzeit mit der neuen Verfassung des Jahres 1848; seit 1851 wurden Verwaltung und Justiz getrennt, 1918 schließlich das allgemeine, gleiche, geheime und direkte Wahlrecht für Männer und Frauen eingeführt, wobei Lübeck als einziger Bundesstaat des Reiches den Übergang zur Weimarer Republik ohne Umsturz bewerkstelligte. 1920 erhielt die Stadt eine demokratische Verfassung. 1937 verlor Lübeck durch das Groß-Hamburg-Gesetz nach 711 Jahren seine staatliche Selbständigkeit und wurde der preußischen Provinz Schleswig-Holstein einverleibt. Neun Exklaven mit insgesamt 19 Landgemeinden fielen damals an benachbarte Landkreise. Im Dritten Reich war die Stadt Schauplatz einer ‚Ökumene des Widerstands’, in deren Folge drei katholische Kapläne und ein evangelischer Pastor 1943 hingerichtet wurden.

Buddenbrookhaus
Trotz starker Zerstörungen durch einen Bombenangriff im Zweiten Weltkrieg blieben rund zwei Drittel des historischen Baubestands der Altstadt erhalten, die 1987 zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt wurde. Durch die Teilung Europas nach dem Zweiten Weltkrieg war Lübeck in eine Grenzlage geraten und hatte den größten Teil seines wirtschaftlichen Einzugsgebietes verloren, der Strukturwandel der Industrie seit den 1970er Jahren traf vor allem den Traditionszweig Schiffbau.
Seit der Auflösung des Warschauer Paktes profitiert der Lübecker Hafen vom Anstieg des Handels im Ostseebereich; Lübeck-Travemünde hat den größten Fährhafen Europas. Insofern dominieren Handel, Verkehr und Dienstleistungen die wirtschaftliche Struktur der Stadt, deren Schwerpunkte bei der gewerblichen Produktion u. a. in der Medizintechnik, dem traditionellen Ernährungsgewerbe und im Maschinenbau liegen. Lübeck zählt heute (2006) rund 215.000 Einwohner, seine kulturelle Anziehungskraft verdankt es seinen gotischen Kirchen und seiner in weiten Teilen noch intakten spätmittelalterlichen Stadtanlage, den Museen der Stadt sowie den international anerkannten Einrichtungen Thomas und Heinrich Mann-Zentrum (Buddenbrookhaus), dem Günter-Grass-Haus, der Musikhochschule, der Intendanz des Schleswig-Holstein-Musik-Festivals, dem Brahms-Institut und den Nordischen Filmfestspielen.
II. Die Überlieferung
Das Archiv
Archiv der Hansestadt Lübeck, Mühlendamm 1-3, 23552 Lübeck
Tel. 0451/122 4152, Fax 0451/122 1517, E-mail:
archiv@luebeck.de
Internet: www.luebeck.de/kultur_bildung/archiv/index.html
Öffnungszeiten: Mo-Do 8.00-16.00, Fr 8.00-12.00
Die Bestände sind durch gedruckte, maschinenschriftliche, handschriftliche Findbücher, Verzeichnisse, Ablieferungslisten und durch Karteien erschlossen. Die „Beständeübersicht der Hansestadt Lübeck“ liegt in der 2. ergänzten und überarbeiteten Auflage 2005 vor. Die online-Veröffentlichung stark gefragter Bestände ist mittelfristig geplant. Die Dienstbibliothek umfasst rund 48.000 Bände.
Das Archiv verwahrt derzeit ca. 6.000 laufende Meter Urkunden, Amtsbücher, Akten, Pläne u. a. m. Sie reichen vom Beginn des 13. Jh.s bis in die Gegenwart und sind unterteilt in
- Regierung und Volksvertretung bis 1937 (Senat und Bürgerschaft)
- Fremde Behörden (z. B. Reichskammergericht)
- Behörden bis zum Verlust der Eigenstaatlichkeit 1937
- Gemeindevertretung und Behörden nach 1937
- Private Archive (z. b. Familien- und Firmenarchive, Gutsarchive und kaufmännische Archive)
- Religionsgemeinschaften (bes. Pfarrarchive)
- Urkunden
- Sammlungen (Siegel, Plakate)
- Zeitgeschichtliche Dokumentation.
Lübeck als Haupt der Hanse nahm die Geschäftsführung der Städteorganisation wahr. Der Niederschlag der damit verbundenen diplomatischen Tätigkeiten findet sich vor allem in den Urkunden und Senatsakten zu den auswärtigen Beziehungen, die den europäischen Raum von Spanien bis Russland und von Skandinavien bis zum Hof des römisch-deutschen Kaisers in Wien betreffen, in den Confoederationes (Bündnisse der zur Hanse gehörenden Städte von 1255-1630) sowie für die drei Hansestädte im Deutschen Bund (1815-1866) im Bestand Hanseatica mit weltweiten Handelsverträgen.
Wichtige Bestände für die Hansezeit und die frühe Neuzeit
I. Urkunden
1.
Rund 20 000 Urkunden vor allem aus der Zeit bis zur Reformation
2. Testamente ca. 6000 Stück aus der
Zeit von 1277-1800
II. Amtsbücher
1.
Niederstadtbuch, 33 lfm, 1311-1863, eine zentrale Quelle zur hansischen
Handelsgeschichte wegen der Vielzahl der
dort eingetragenen Schuldverhältnisse, Handelsgesellschaften und Ratsurteile
2.
Oberstadtbuch, 63 lfm. 1284-1818 mit nur wenigen Lücken, die Grundbücher des
mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Lübecks
III. Akten
1. Altes Senatsarchiv, Interna, ca.
1450-1870, mit Beständen zum Handel, zu Bündnissen von Hansestädten, zur Kaufmannschaft,
Schiffbau, Salzhandel, Seesachen (Schifffahrt), Zöllen und anderen Handelsabgaben u. v.
a. m.
2. Altes
Senatsarchiv, Externa, ca. 1400-ca.1870, auswärtige Beziehungen zu den
Territorien des Reichs und zu außerdeutschen Staaten
3. Altes
Senatsarchiv, Reichsfriedensschlüsse, 1643-1713, besonders die Verhandlungen zu
Münster und Osnabrück 1644-1649
4.
Kämmerei, 1280-1810, für alles, was mit Einnahmen und Ausgaben des Rats
zusammenfiel, einschließlich der jährlichen Einnahmen und Ausgaben der Stadt,
aber auch Bürgerannahmen .
5.
Reichskammergericht und Reichshofrat, 1495-1806, mit zahlreichen
Überlieferungen zu Handelsgesellschaften.
IV . Private Archive
1.
Kaufmännische Archive der Kaufleutekompanie (1450-1848), Schonenfahrerkompanie
(1378-1853), Novogorodfahrerkompanie (1450-1847), Bergenfahrerkompanie
(1278-1854), Rigafahrerkompanie (1550-1853), Stockholmfahrerkompanie
(1574-1854), Gewandschneiderkompanie (1410-1854), Krämerkompanie (1472-1853);
auch Schiffergesellschaft (1400-1866)
2.
Vereins- und Verbandsarchive, mit dem Bestand der Junkerkompanie
(Zirkel-Gesellschaft) (1400-1825), der Leonhard-Bruderschaft (1458-1845) und
der Greveradenkompanie (1489-1537).
Literatur und Präsentation
Antjekathrin
Graßmann (Hg) Lübeckische Geschichte. Lübeck 3. Aufl. 1997
Lübeck-Schrifttum 1900-1975. bearb.von Gerhard Meyer und
Antjekathrin Graßmann. München 1976
Lübeck- Schrifttum 1976-1986. Zusammengestellt von Gerhard Meyer und
Antjekathrin Graßmann. Lübeck 1988
Zeitschrift des Vereins für Lübeckische Geschichte und Altertumskunde,
Bd. 1, 1860, bis Bd. 85, 2005; erscheint jährlich; dort findet sich im
ausführlichen Besprechungsteil jeweils die neueste Literatur zur Geschichte Lübecks
(und der Hanse)
Veröffentlichungen zur Geschichte der Hansestadt Lübeck, hg. vom
Archiv der Hansestadt Lübeck, Reihe A, Bd. 1, 1912 - Bd. 25, 1979
Veröffentlichungen zur Geschichte der Hansestadt Lübeck, hg. vom Archiv der Hansestadt Lübeck, Reihe
B, Bd. 1, 1974 - Bd. 42, 2006
Kleine Hefte zur Stadtgeschichte, hg. vom Archiv der Hansestadt
Lübeck, Heft 1, 1985 -Heft 19, 2005
Beständeübersicht des Archivs der Hansestadt Lübeck. Hg. von
Antjekathrin Graßmann (Veröffentlichungen zur Geschichte der Hansestadt Lübeck,
Reihe B, Bd. 29), 2. Aufl. Lübeck 2005
Findbücher
Bd. 1, Kaufmännische Archive, Schonenfahrerkompanie. 1996.
Bd. 2, Kaufmännische Archive, Krämerkompanie. 1996.
Bd. 3, Kaufmännische Archive, Kaufleutekompanie, Novgorodfahrerkompanie,
Rigafahrerkompanie, Stockholmfahrerkompanie, Gewandschneiderkompanie, 1996.
Bd.
4, Hauptamt 1945 - 1970, bearb. von
Hans-Henning Freitag, 1996.
Bd.
5, Altes Senatsarchiv, Externa,
Deutsche Territorien und Staaten, Hochstift Lübeck
Hochstift
Ratzeburg, bearb. von Johann Peter Wurm,
2000.
Bd.
6, Altes Senatsarchiv, Externa, Deutsche
Territorien und Staaten, Sachsen-Lauenburg, Schleswig und Holstein, bearb. von
Johann Peter Wurm, 2000.
Bd
.7, Altes Senatsarchiv, Externa, Deutsche
Territorien und Staaten, Kaiser und Reich
Brandenburg,
Braunschweig-Lüneburg, Hamburg, Pommern, kl. Teilbestände von Aachen bis
Würzburg, bearb. von Axel Koppetsch und Johann Peter Wurm. 2000.
Bd.
8, Altes Senatsarchiv, Externa, Deutsche
Territorien und Staaten, Indices der Orte und Personen, bearb. von Axel
Koppetsch und Johann Peter Wurm, 2000.
Bd.
9, Archiv der Bergenfahrerkompanie zu
Lübeck und des Hansischen Kontors zu Bergen in Norwegen von (1278) bzw.
1314-1853, bearb. von Georg Asmussen, Otto Wiehmann und Ulrich Simon, 2002.
Bd.
10, Lübecks französische Besatzungszeit
(Lübeckische und französische Verwaltungsbehörden 1806-1813 sowie Institutionen
zur Abwicklung der Liquidationsforderungen 1814-1830), bearb. von Ulrich Simon,
2004.
Gesamtinventar der Akten des
Oberappellationsgerichts der vier freien Städte Deutschlands. Bd. 1-3,
bearb. Klaus-Joachim Lorenzen-Schmidt. Köln u. a. 1996
Urkundenbuch der Stadt Lübeck. Hg. vom Verein für Lübeckische
Geschichte und Altertumskunde. Bd. 1-11, Lübeck 1843-1905; Wort- und
Sachregister zu Bd. 1-11, Lübeck 1932.
Die Lübecker Museen (www.luebeck.de/kultur_bildung/museen)
Das Holstentor-Museum (Holstentorplatz) präsentiert die Geschichte des
Lübecker Fernhandelskaufmanns vom Mittelalter bis ins 19. Jh., wobei
ausführlich das Thema Seefahrt behandelt wird.
Das St. Annen-Museum (St. Annen-Straße 15) bietet Sammlungen
großartiger Zeugnisse der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen
Kulturgeschichte, insbesondere Altäre und Skulpturen norddeutscher Prägung
sowie aus den Niederlanden und in der neu errichteten Kunsthalle die Kunst des
20. Jh.s und der Gegenwart.
Das Burgkloster, eine der schönsten Klosteranlagen Norddeutschlands
(Hinter der Burg 2-6), zeigt in der Ausstellung „Pfeffer & Tuch für Mark
& Dukaten“ die Handelswaren eines Kaufmanns der 1530er Jahre auf der
Grundlage des großen Lübecker Münzschatzes von 1533/37 sowie als zweite
Dauerausstellung „...dahin wie ein Schatten“ -
Aspekte jüdischen Lebens in Lübeck.
Im Beichthaus des Burgklosters präsentiert das Museum für Archäologie den Alltag
des mittelalterlichen Lübeckers.
Die Wohnkultur des
hanseatischen Bürgertums im späten 18. und 19. Jh. präsentiert das Museum Behnhaus/Drägerhaus in der Königstraße
9-11, außerdem eine Gemäldesammlung, die von Johann Friedrich Overbeck bis zur
klassischen Moderne reicht.
Dem von Thomas Mann in seinem
Roman „Buddenbrooks“ dargestellten Niedergang einer Kaufmannsfamilie ist die
Ausstellung über die 100jährige Lesegeschichte des Romans im Buddenbrookhaus, Mengstr. 4, gewidmet,
eine zweite dauernde Ausstellung zeigt „Die Manns – eine
Schriftstellerfamilie“.
Im Günter-Grass-Haus (Glockengießerstr. 21) ist die literarische und
bildkünstlerische Welt des Literatur-Nobelpreisträgers zu entdecken.
Die Museumskirche St. Katharinen, ein Bau der Franziskaner aus dem
frühen 14. Jh., ist ein Höhepunkt des Kirchenbaus in Lübeck, wo Werke von
Tintoretto, Ernst Barlach und Gerhard Marcks zu sehen sind.
Außerhalb der Innenstadt zeigt
die Geschichtswerkstatt Herrenwyk
die Arbeits- und Lebensbedingungen der Arbeiter und Angestellten des
Hochofenwerks der 20er und 30er Jahre (Lübeck-Kücknitz, Kokerstraße 1-3).


