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Hansischer Städteführer - Herford

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I. Die Stadt

Aus dem 789 gestifteten ersten Frauenkloster in Westfalen entstand um 832 die reichsunmittelbare Fürstabtei und ab ca. 11. Jh. das reichs- und papstunmittelbares freiweltliches adliges Kanonissenstift. Die Äbtissin besaß quasi-bischöfliche Rechte über Herford. (13. Jh.: ca. 56 ha befestigte Stadt mit ca. 25 qkm Feldmark, 1500: ca. 3500 Einwohner) und ihre Streubesitzungen (1147: 39 Oberhöfe und etwa 800 zinspflichtige Unterhöfe in Westfalen, Lippe, Münster-, Sieger- und Rheinland...), konnte aber kein eigenes Herrschaftsgebiet ausbilden. Aus den aus dem 9. Jh. stammenden Markt-, Münz- und Zollrechte für den abteilichen Hof Odenhausen entwickelte sich der Ort Herford um die Abtei und Münsterkirche. Südlich der Stiftsimmunität, getrennt durch eigene Befestigung entstand um den Alten Markt die Altstadt mit eigener Kaufleute-/Bürgerkirche St. Nicolai.

Miniaturen aus dem Herforder Rechtsbuch aus dem 14. Jahrhundert

Miniaturen aus dem Herforder Rechtsbuch aus dem 14. Jahrhundert
Foto: Kommunalarchiv Herford

Vor 1220 (1191 Magister civium) entstand die Bürgergemeinde Herford. 1224 gründeten Abtei und der Erzbischof von Köln zusammen die Herforder Neustadt. Alt- und Neustadt wurden erst 1634 verwaltungsmäßig vereinigt, stimmten aber seit der Gründung Politik, Verwaltung und Finanzen ab. Auch um den Stiftsbezirk um das niederadelige Stift St. Marien auf dem Berge entstand eine kleinere Siedlung. Das wirtschaftlich und politisch unter dem Schutz der reichsunmittelbaren Abtei gewachsene H. beteiligte sich zur Sicherung des Marktverkehrs 1246 am Ladberger Bund, an weiteren Landfriedensbünden wie dem  Rheinischen Landfrieden 1255, und der Hanse. 1256 übertrug das Stift der Stadt das städtische Burggericht als Lehen und bestätigte einen etwa 25qkm großen Besitz der Stadt innerhalb der Landwehren. Herford verpflichtete sich zum Schutz der Abtei innerhalb ihrer Mauern.

Es entstand die reichsweit einmalige Regierungsform des sog. Kondominats. Stadt und Stift regelten alle inneren und äußeren Angelegenheiten in eigener abgestimmter Zuständigkeit. Stadtrat und Bürgermeister leisteten der Abtei den Lehnseid und waren eng mit der Ministerialität der Abtei verbunden Herford nahm faktisch reichsunmittelbare Kompetenzen wahr (u.a. Judengeleit). Bis 1250 entstand eine ca. 3,5 km lange ausgedehnte Befestigungsanlage mit 6 Toren und 14 Türmen (nicht erhalten, aber am heutigen Wall nachvollziehbar) und eine Landwehr mit 10 Bäumerhöfen. In Herford setzte im 13.–17. Jh. eine geistliche und wirtschaftliche Blütezeit ein. Die Niederlassung zahlreicher geistlicher Einrichtungen, die zahlreichen Kirchen, die Station der Jabokspilger an der Radewiger Jacobikirche (bis zur Ref. um 1530) und die Marienwallfahrt zum Stiftberg (Vision um 950, Gründung des Stiftes 1011, bis heute Vision als Jahrmarkt um den 19. Juni) brachten Herford den Titel Heiliges/Hilliges Herford/Herwede bzw. Sancta Herfordia ein.

Urkunde des Herforder Stadtrichters vom 7. Juni 1448

Urkunde des Herforder Stadtrichters vom 7. Juni 1448: Innerhalb einer Privatstreitigkeit wurden Pferde, Karren, Verkaufsbänke, Stockfisch und weitere Kaufmannsgüter beschlagnahmt.
Foto: Kommunalarchiv Herford

Die wirtschaftliche Stärke (v.a. im Leinenhandel nach Westen) zeigte sich vor allem im 15. Jh. in einer aktiven Beteiligung an der Hanse und enger Abstimmung mit den Nachbarstädten Lemgo, Bielefeld und Minden. 15 Kaufmanns- und Handwerkerämter (1375 erwähnt) bestimmten das wirtschaftliche Leben. Neben den erhalten Kirchen zeigt sich die Blütezeit in zahlreichen bürgerlichen Bauten und Verwaltungsgebäuden. Das ursprünglich gotische, später Renaissance-Rathaus der Altstadt auf dem Alten Markt wurde 1878 abgerissen.

Von den zahlreichen geistlichen Niederlassungen (Minoriten 1223/sicher 1286, Johanniter 1231/sicher 1285, Beginen 1288, Augustiner 1288, Klarissen 1389, Fraterherren 1428, Süstern 1449...) sind nur noch wenige bauliche Zeugnisse überliefert. 1414 wurde das Kollegiatstift St. Dionysius aus Enger an die Neustädter Kirche St. Johannis verlegt. Das hochadelige Stift blieb bis zu Auflösung 1802 reichs- und papstunmittelbar. Der Status der mit dem Stift durch das Kondominat verbundenen Stadt Herford war umstritten. Während Reich, Papst und Stift sie u.a. durch Erhebung von Reichssteuern als Reichsstadt bezeichneten und beanspruchten, wollte sie nur ihren herausgehobenen Status sichern. Um 1375 wurde das geltende Stadtrecht im Herforder Rechtsbuch niedergeschrieben. Zwei Reichskammergerichtsprozesse (1507-1546 und 1549 -1631) brachten zunächst die freiwillige Zahlung der Reichssteuern und 1631 die endgültige Anerkennung als Reichsstadt Herford mit sich.

Relief mit Hansefuhrwerk von 1565 aus dem Städtischen Museum Herford

Relief mit Hansefuhrwerk von 1565 aus dem Städtischen Museum Herford
Foto: Kommunalarchiv Herford

Mit bedingt durch die Fraterherren und Augustiner setzt sich ab 1530 die Reformation in Herford durch. Die zunächst kath. gebliebene Äbtissin übergab 1547 die der Stadt eingeräumten weltlichen Rechte den Herzögen von Jülich-Berg-Ravensberg. Dies blieb für die inneren Verhältnisse relativ folgenlos, führte aber durch die Erbfolge am Ende des 30jg. Krieges gegen den Widerstand von Teilen der Bürgerschaft zur Einnahme Herfords durch Brandenburg.  1638 wurde ein Drittel Herfords durch einen Brand verwüstet. Ab 1652 war H. brandenburgisch-preußische Landstadt. Kriegsschulden aus dem 30jg. Krieg und abwandernde Eliten führten zu einem wirtschaftlichen Rückgang, von dem sich Herford erst im 19. Jh. erholte.

Ab 1807 gehörte Herford zum Königreich Westphalen, ab 1813 wieder zu Preußen. Die Säkularisation führt zur Aufhebung der drei Herforder Stifte und endgültigen Löschung weiterer geistlicher Institute. Mit der Gründung einer Spinnerei (1810) in den säkularisierten Abteigebäuden durch Kfm. Schrewe begann die Phase der Industrialisierung. Nach dem Anschluss an die Köln-Mindener Eisenbahn 1847 entwickelten sich größere Niederlassungen der Tabak-, Textil- (Leinen, Wäsche, Konfektion), Süßwaren- (Schokolade ab 1860), Nährmittel- (Margarine), Holz- (Serienmöbel, Küchen) und Metallindustrie (Zulieferer für Holzverarbeitung), bis heute Schwerpunkte der Herforder Industrie. Aus dieser Zeit prägen zahlreiche Fabrikantenvillen und Fabrikgebäude Herford außerhalb des früheren Mauerrings. Nach einem Brand wurden die Reste der Abtei abgetragen und an gleicher Stelle 1913 -17 das neobarocke Rathaus für das seit 1911 kreisfreie Herford errichtet.

Ausschnitt aus dem Herforder Rechtsbuch aus dem 14. Jahrhundert mit Erwähnung der Kaufmannsgilden der Wandschneider, Krämer und Höker

Ausschnitt aus dem Herforder Rechtsbuch aus dem 14. Jahrhundert mit Erwähnung der Kaufmannsgilden der Wandschneider, Krämer und Höker
Foto: Kommunalarchiv Herford

In der Weimarer Republik wurden bedingt durch großen Bevölkerungszuwachs neue Siedlungsgebiete erschlossen. In den Jahren 1933-45 entstanden auf dem Stiftberg und an der Mindener Str. zahlreiche Kasernenbauten (heute britische Armee). Im 2. Weltkrieg nur geringe Zerstörungen (5 % der Gebäude). Nach 1945 bedingt durch britische Besetzungen (Hauptquartier der brit. Besatzungstruppen) und Flüchtlingszustrom umfangreicher Siedlungsbau. 1969 Wiedereingliederung in den Kreis Herford und Eingemeindung umliegender landwirtschaftlich geprägter Gemeinden. Seit 1983 befindet sich in Herford Standort die Geschäftsstelle des WESTFÄLISCHEN HANSEBUNDES. 1988 wurden bei Ausgrabungen Mauerreste und Hausrat der ehem. Abteigebäude aus karolinigischer, ottonischer und barocker Zeit gefunden (Hinweistafeln auf dem Gelände am Münster).

1989 beging H. das 1200jährige Jubiläum. Im Mai 2005 wurde MARTa Herford eröffnet. Im Dreiklang zwischen Design (M für Möbel), Kunst (ART) und Architektur beziehungsweise Ambiente (a) sorgt das Projekt MARTa Herford für neue Impulse in Kunst, Design, Architektur und Wirtschaft. In dem außergewöhnlichen Gebäudekomplex des Architekten Frank Gehry entstand eine neuartige Verbindung aus Museum, Kompetenzzentrum und Veranstaltungsforum. Hier präsentiert der Ausstellungsmacher und Museumsdirektor Jan Hoet zeitgenössische Positionen in Kunst und Design.

II. Die Überlieferung

Das Archiv

Kommunalarchiv Herford, Archiv des Kreises und der Stadt Herford
Amtshausstr. 2,  32051 Herford
Telefon 0 52 21 / 13 22 – 12 bis – 17; Telefax 0 52 21 / 13 22 52
E-Mail: kommunalarchiv@kreis-herford.de

Öffnungszeiten:

Montag - Freitag       8.30 - 12.30 Uhr
Montag - Donnerstag           14.00 - 16.00 Uhr
nach Vereinbarung für Gruppen/Schulklassen...

Die Bestände des Stadtarchivs im Kommunalarchiv Herford umfassen ca. 1200 laufende Meter Urkunden, Akten, Zeitungen, Pläne, Fotografien. Die Überlieferung beginnt im 13. JH und reicht ohne größere Verluste bis in die Gegenwart. Besonders bedeutsam ist die Handschrift des Herforder Rechtsbuch aus dem 14. JH. Die Mehrzahl der Bestände ist über EDV erfasst und recherchierbar. Noch hat das Archiv keinen eigenen Internetauftritt. Die Archivbibliothek umfasst ca. 22000 Bände ab dem 16. JH.

Für die Forschung heranzuziehen sind zusätzlich die Bestände der Fürstabtei Herford und anderer geistlicher Institute im Landesarchiv NRW - Staatsarchiv Münster und zahlreiche Bestände in anderen Archiven.

Der Anteil direkter hansischer Überlieferung in den eigenen Beständen ist sehr gering. In Herforder Urkunden und Akten (Stadtrechnungen etc.) gibt es nur einige versteckte Hinweise auf hansische Betätigung. Aufgrund der regionalen Kooperation in Hanseangelegenheiten mit den Städten Lemgo und Bielefeld („Hansetage in Schötmar“) findet sich die meiste Herforder Hansekorrespondenz nicht im Stadtarchiv Herford , sondern im Stadtarchiv Lemgo.

Literatur und Präsentation

Grundlegende Literatur und Bibliographie

Allgemein

Julius Normann, Herforder Chronik, Herford 1910.

Alfred Cohausz, Herford als Reichsstadt, in: Jahrb. des Hist. Vereins f .d. Grafsch. Ravensberg 42, Bielefeld 1928, 1 - 106.

Friedrich Korte, Die staatsrechtliche Stellung von Stift und Stadt H. vom 14.–17. Jh., in: Jahresb. des Hist. Vereins f .d. Grafsch. Ravensberg 58, Bielefeld 1955, 1 - 172.

Herforder Jahrbuch (fortgesetzt 1992 als Historisches Jahrbuch für den Kreis Herford) , 1ff., Herford 1960ff.

Rainer Pape, Sancta Herfordia, Herford 1979.

Thoedor Helmert-Corvey / Thomas Schuler, 1200 Jahre Herford, Herford 1989.

Karl Hengst (Hg.), Westf. Klosterbuch 1 (Herford), Münster 1992.

Olaf Schirmeister (Hg.), Bibliografie des Kreises Herford, Herford 1992.

Matthias Wemhoff, Das Damenstift Herford, Bonn 1993.

Michael Freiherr von Fürstenberg, Ordinaria Loci oder Monstrum Westphaliae?, Paderborn 1995.

Olaf Schirmeister (Hg.), Fromme Frauen und Ordensmänner, Bielefeld 2000.

Speziell zur Hanse

Erhard Obermeier: Wirtschafts- und Bündnisverhältnisse der Stadt Herford, besonders im hansischen Bereich, Magisterarbeit Münster 1965 (maschinenschriftliche Vervielfältigung).

Erhard Obermeier: Herford als Hansestadt, in: Herforder Jahrbuch Bd. 10 (Herford 1969), S. 17 – 46 und Bd. 11 (Herford 1970), S. 10 - 36.

Christoph Laue: „Auff gemeinem Hansetag zu Schottmar“, Schötmar als Tagungsort der Hansestädte Bielefeld, Herford und Lemgo, in Jahrbuch Bad Salzuflen, 1997 Bielefeld 1997, S. 54 – 66.

Präsentation und Ausstellung

Das Städtische Museum ist zur Zeit geschlossen, die Sammlungen eingelagert. Eine Neukonzeption des Museums ist beauftragt. In den städtischen Museumssammlungen finden sich kaum Hansebetreffe.

Im Jahr 2000 wurde eine Ausstellung zu „Herford in der Hanse“ entwickelt, die seitdem zu Hansetagen und regionalen Hanseveranstaltungen gezeigt wird.