Hansischer Städteführer Rostock
Hansestadt Rostock, 18050 Rostock
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I. Die Stadt
Die deutsche Stadt Rostock entstand wenige hundert Meter westlich einer
im 6. Jahrhundert gegründeten slawischen Handelswik. Wohl um 1200
erhielt sie das Lübische Stadtrecht, urkundlich belegbar ist lediglich
dessen landesherrliche Bestätigung am Johannistag 1218. In der ersten
Hälfte des 13. Jahrhunderts wuchsen westlich des Gründungskerns zwei
weitere selbständige Siedlungen. Alle drei vereinigten sich 1265 zur
„universitas civitatis“, der Mauerring war im Wesentlichen um 1300
vollendet.
Den freien Zugang zur Ostsee sicherte sich die junge Kommune zwischen
1252 und 1323 durch Landerwerb entlang der zwölf Kilometer langen
Trichtermündung der Warnow. Die Gewährung einer Vielzahl
landesherrlicher Privilegien (u.a. Gerichtsbarkeit 1358, Münzrecht
1361) machte Rostock einhergehend mit der rasanten Entwicklung von
Handel und Handwerk – im 14. Jahrhundert sind 77 Gewerke nachweisbar -
zur volkreichsten, wirtschaftlich bedeutendsten, vom Landesherrn nahezu
unabhängigen Stadt Mecklenburgs mit großen Ambitionen im Ostseeraum.
Am 13. Juni 1283 schlossen Vertreter des dänischen Königshauses sowie der Herzöge Braunschweigs und Mecklenburgs mit den Abgesandten der so genannten wendischen Städte den Rostocker Landfrieden. Er gilt als wichtigstes norddeutsches Städtebündnis seiner Zeit und bedeutender Meilenstein auf dem Wege der Formierung der Städtehanse. Im dominierenden „wendisch-sächsischen Drittel“ der Hanse nahm Rostock einen herausragenden Platz ein und wurde häufig Austragungsort von Hansetagen.
Im Kernpunkt Rostocker Handelsaktivitäten lag Norwegen mit Stützpunkten
in Bergen, aber vor allem in der Norwegischen Wieck mit den Städten
Tönsberg und dem heutigen Oslo. Traditionell - bereits für die
slawische Zeit (6. bis 12. Jahrhundert) ist ein lebhafter Warenverkehr
nachgewiesen - blieb Dänemark ein bedeutendes Handelsgebiet wie auch
Schweden, vor allem über die Häfen Kalmar und Stockholm. Andere Routen
führten schon früh nach Flandern und ins Baltikum. Basierend auf
weitgehender Unabhängigkeit, auf Macht und Reichtum gelangten Kunst,
Kultur und Wissenschaft zu hoher Blüte. Nicht von ungefähr entstand in
Rostock 1419 eine der ältesten Universitäten Deutschlands und
Nordeuropas. Anfang des 16. Jahrhunderts waren Stadt und alma mater
mecklenburgisches und auch norddeutsches Zentrum der Reformation.
Absolutistisches Streben des Landesherren, der Niedergang der Hanse –
beim letzten Hansetag ließ sich Rostock lediglich vertreten – und ein
Stadtbrand, der 1677 ein Drittel der gewachsenen Bebauung zerstörte,
ließen Rostocks wirtschaftliche und politische Macht schwinden.
Erst im 19. Jahrhundert gewann die Stadt wieder an Bedeutung. Die zeitweise größte städtische Flotte in der Ostsee, die Ansiedelung zahlreicher Unternehmen des Schiff- und Landmaschinenbaus, der chemischen, der Baustoff- und der Lebensmittelindustrie sowie des Baugewerbes förderten den Zuzug zahlreicher Menschen, der sich auch nach dem Ersten Weltkrieg fortsetzte. Gefördert durch einen rasanten Ausbau der Flugzeugindustrie (Ernst-Heinkel-Flugzeugwerke, ARADO) unter der nationalsozialistischen Diktatur überschritt die Einwohnerzahl im Frühjahr 1935 die 100.000er Marke. Im Zweiten Weltkrieg gehörte Rostock früh zu den am schwersten zerstörten Großstädten Deutschlands.
Die meisten erhalten gebliebenen Produktionskapazitäten und Infrastruktureinrichtungen gingen nach dem Kriegsende in die Sowjetunion. Lediglich die Werftindustrie blieb intakt, doch auch sie arbeitete ausschließlich für Reparationszwecke. Nach der Gründung der DDR im Jahre 1949 wurde der Ausbau der Werftkapazitäten forciert und die Entwicklung entsprechender Zulieferindustrie (Schiffselektronik und Schiffsdiesel) vorangetrieben. Im Zuge der administrativen Neugliederung des zweiten deutschen Staates wurde Rostock 1952 Bezirkshauptstadt. Die Ansiedelung der Staatsreederei DSR und die Errichtung des größten und lange Zeit einzigen Überseehafens machten die Stadt schließlich zum Zentrum des Schiffbaus, des Seeverkehrs und der Hafenwirtschaft der DDR. Im Mai 1987 hatte Rostock 250.000 Einwohner.
Zahlreiche Kleinodien aus hansischer Zeit vernichteten die Bomben des Zweiten Weltkrieges. Erhalten geblieben und sehenswert sind u.a. das Rathaus, die Stadthauptkirche St. Marien, der Alte Markt mit St. Petri, die östliche und südliche Stadtmauer mit dem Lagebuschturm, dem Kuh- und dem Steintor, das Kröpeliner Tor, das Kloster zum Heiligen Kreuz (Kulturhistorisches Museum), das Kloster St. Katharinen sowie einige Bürgerhäuser, v.a. Lohgerberstraße 28 und 29, Hinter dem Rathaus 2 (Walldienerhaus) und 5 (Kerkhofhaus), Kröpeliner Straße 82 und Wokrenter Straße 40 (Hausbaumhaus).
II. Die Überlieferung
Das Archiv
Tel. 0381/3811361; Fax 0381/3811947
E-mail: stadtarchiv@rostock.de
Internet: www.rostock.de/stadtarchiv
Öffnungszeiten: Mo, Mi, Do 9.00-12.00 und 12.30-16.00; Di 9.00-12.00 und 12.30-17.30 Uhr
Der älteste Archivzweckbau in Mecklenburg-Vorpommern ist Heimstatt für etwa 3.000 laufende Meter Urkunden, Amtsbücher und Akten sowie umfangreiche archivische Sammlungen (u. a. Fotos, Ansichtskarten, Filme, Bauzeichnungen, Plakate, Theaterzettel, Stadtpläne und Landkarten, Fund- und Bildchroniken, Memorabilien, Handwerkerpapiere, Genealogische Materialien und Ausarbeitungen, Siegel und Petschafte, Zeitungsausschnitte sowie Broschüren und Dokumente).
Die archivische Überlieferung setzt 1251 ein und führt bis in die Gegenwart. Durch einen Bombentreffer im April 1942 wurden Teile der Bestände „Niedergericht“ und „Obergericht“ durch Brand beschädigt bzw. vernichtet. Dennoch gehört die Überlieferung zu den am meisten geschlossenen in Norddeutschland. Neben Beständen kommunaler Behörden und Einrichtungen verwahrt das Haus auch zahlreiche Überlieferungen von natürlichen Personen, von Vereinigungen und gesellschaftlichen Organisationen sowie von Handel und Wirtschaft.
I. Urkunden
insbesondere die Gruppen „Privilegien und Erbverträge“ (90 Stk. für den Zeitraum 1252-1662), „Zoll“ (7 Stk. 1347-1565), „Kriege“ (24 Stk. 1294-1565), „Landfrieden, Geleit“ (19 Stk. 1351-1555), „Hanse“ (250 Stk. 1251-1620) sowie „Testamente“ (930 Stk. für den Zeitraum 1317-1670)
II. Amtsbücher und Handschriften
Stadtbücher in mehreren inhaltlichen Reihen (315 Bände 1254-1919), Ratsprotokolle (256 Bände 1533-1928).
Handlungsbuch des Rostocker Kaufmanns Johann Tölner (1345-1350), Rostocker Weinbuch (1382-1391), Rostocker Chronik des Vicke Schorler (1584-1625)
III. Akten
Zahlreiche Bestände beinhalten einen reichen Fundus von Quellen zur Geschichte der Hanse bzw. zur Geschichte der Stadt während der Hansezeit. In erster Linie zu verweisen wäre auf „Bürgermeister und Rat“ (1254-1945), insbesondere den Teilbestand „Hanseatica“, auf „Kämmerei und Hospitäler“ (1342-1960), „Gewett“ (1381-1945), „Finanzbehörden“ (1378-1945) sowie auf „Kaufmannsarchive“ (1345-1823) und „Schiffer- und Kaufmannsgesellschaften“ (um 1400-1945).
Die „Warhaftige Abcontrafactur der hochloblichen und weitberumten alten See- und Hensestadt Rostock, Heuptstadt im Lande zu Meckelnburgk“ ist das absolute Highlight des Bestandes. Die 18,6 Meter lange und 0,6 Meter hohe kolorierte Bildrolle schuf der Rostocker Krämer Vicke Schorler zwischen 1578 und 1586. Imposant wie authentisch zeigt sie in einmaliger Weise Stadtgestalt und Alltagsleben Rostocks in späthansischer Zeit.
Literatur und Präsentation
Karl Friedrich Olechnowitz: Rostock von der Stadtrechtsbestätigung im Jahre 1218 bis zur bürgerlich-demokratischen Revolution von 1848/49. Rostock 1968.
Karsten Schröder (Hg.): In deinen Mauern herrsche Eintracht und allgemeines Wohlergehen. Eine Geschichte der Stadt Rostock von ihren Ursprüngen bis zum Jahre 1990. Rostock 2003.
Friedrich Schlie: Die Kunst- und Geschichts-Denkmäler des Großherzogtums Mecklenburg-Schwerin. 5 Bde, Schwerin 1896-1902 [Rostock im Bd. 1].
Hildegard Thierfelder: Rostock-Osloer Handelsbeziehungen im 16. Jahrhundert. Weimar 1958.
Das Kulturhistorische Museum der Hansestadt Rostock im 1270 von der dänischen Königin Margarete gestifteten Kloster zum Heiligen Kreuz bietet vielfach Gelegenheit zur Begegnung mit der hansischen Zeit (u.a. mittelalterliche Kunst und Kunsthandwerk). Im Kröpeliner Tor, errichtet in der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts, ist eine Ausstellung zur Stadtbefestigung Rostocks zu sehen. Von hier aus starten auch Stadtrundgänge der Geschichtswerkstatt e.V. u.a. zu hansischen Themenkreisen.
